Exil-Oppositioneller Nadeschdin: Putins Machtbasis bröckelt – Zustimmung sinkt auf 65 Prozent

Der ins Exil geflüchtete ehemalige Präsidentschaftskandidat Boris Nadeschdin sieht derzeit keine politische Zukunft für die russische Opposition, die sich gegen den Krieg in der Ukraine ausspricht.

„Die Perspektive der Antikriegs-Opposition, legal an Wahlen in Russland teilzunehmen, ist weg. Es gibt sie nicht mehr“, sagte er der „Welt“. Das ändere aber nichts daran, dass Millionen Menschen in Russland ein Ende des Krieges wollten. „Und es wird sich jemand finden, der versuchen wird, ihre Position zu vertreten“, so der langjährige Duma-Abgeordnete, der seit wenigen Wochen in Frankreich lebt.

Die auf 65 bis 70 Prozent gesunkenen Zustimmungswerte für Wladimir Putin seien ein schlechter Wert „für den Führer eines autoritären Staates“, so Nadeschdin, den Moskau zum „ausländischen Agenten“ erklärt hat. „Autoritäre Regime sind stabil, wenn alle den Führer lieben. Und das ist absolut nicht mehr der Fall“, sagte er.

Ein Großteil der russischen Bevölkerung sei weder für noch gegen den Krieg und Putins wichtigste Basis, so der Oppositionspolitiker. Sie sei loyal, solange der Kreml Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität garantiere. Beides sei immer weniger gewährleistet. „Bis zum Jahr 2026 funktionierte diese Denke. Da flogen nämlich noch keine ukrainischen Drohnen auf die Städte dieser Leute“, sagte Nadeschdin. Nun beginne diese Basis jedoch zu bröckeln.

Für die im September anstehenden Parlamentswahlen erwartet Nadeschdin viele Protestwähler, nachdem mit Jabloko die letzte Antikriegspartei nicht antreten darf. „Diese Antikriegsenergie wird nicht verschwinden, sie wird Gestalt annehmen“, so der Politiker. „Diejenigen, die für Jabloko gestimmt hätten, werden entweder Protest wählen – also ihre Stimmzettel kaputtmachen – oder für `Nowije Ljudi` (Neue Leute) stimmen. Das ist bei weitem keine Antikriegspartei. Aber verglichen mit der Konkurrenz wirkt sie am ehesten so, als wolle sie Frieden.“

Foto: via dts Nachrichtenagentur

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