US-Ökonom: „China-Schock 2.0“ trifft Deutschlands industriellen Kern – Europa muss sich schützen

Der US-Ökonom Brad Setser warnt vor einer signifikanten Deindustrialisierung Deutschlands. Grund sei die neue Stärke der chinesischen Wirtschaft, sagte er dem „Spiegel“.

Es gebe eine „enorme Beschleunigung des chinesischen Exportwachstums“ und einen rasanten Anstieg von Chinas Überschuss im Warenhandel. Gleichzeitig sänken oder stagnierten seit Längerem die Importe der Volksrepublik. All das erzeuge einen „China-Schock 2.0“, sagte der Ökonom der Denkfabrik „Council on Foreign Relations“.

Vom ersten „China-Schock“ seien Anfang der Nullerjahre vorwiegend die USA und Südeuropa betroffen gewesen. Damals habe China dem Westen die Fertigung von T-Shirts oder Fernsehern abgenommen. Das habe sich mittlerweile geändert: „China produziert und exportiert jetzt im großen Stil E-Autos, Chemikalien oder Tunnelbohrmaschinen“, so Setser. Die Entwicklung treffe Deutschlands industriellen Kern.

Vor allem die deutsche Autoindustrie sieht Setser in Gefahr. China verfüge inzwischen über eine Kapazität für die Produktion von 55 Millionen Fahrzeugen pro Jahr. Damit könne das Land die europäische Nachfrage im Alleingang bedienen. Gleichzeitig wüchsen Chinas Exporte um mehr als drei Millionen Autos pro Jahr – etwa so viel, wie Deutschland insgesamt exportiere. „Wenn in der Bundesrepublik aber künftig keine Autos mehr gebaut werden, fällt ihre Industrie auch in anderen Bereichen hinter die technologische Spitze zurück. Langfristig muss ein Land, um konsumieren zu können, auch produzieren“, sagte der Ökonom.

Um Europas Industrie zu schützen, fordert Setser eine ganze Reihe protektionistischer Maßnahmen. Zölle auf chinesische Importe halte er „leider für notwendig – und das so schnell wie möglich, insbesondere in wichtigen Bereichen wie der Autoindustrie, bestimmten Maschinenbau- und Chemiesektoren“. Gleichzeitig müsse Europa chinesische Investoren in Gemeinschaftsunternehmen zwingen, wenn diese auf den hiesigen Markt wollten. Momentan gebe es in Europa keinen Anreiz, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen. Auch über sogenannte „Buy-European“-Klauseln müsse man nachdenken. „Deutschland und Europa spielen gern nach den marktwirtschaftlichen Regeln. Im Grunde ist das gut so. Nur spielen die anderen nicht mehr danach“, so Setser.

Auf all das werde China mit Vergeltungsmaßnahmen reagieren. Europa müsse das akzeptieren, betroffenen Sektoren helfen und dann „rote Linien“ gegenüber Peking ziehen. Druckmittel habe Brüssel genügend, etwa im Flugzeugsektor oder bei Spezialchemikalien aus Europa, auf die China angewiesen sei. Auch die enormen Geldmengen Chinas, die in Europa lägen, könnten eingefroren werden. „Ich glaube, Europa könnte in einem Handelskrieg mit China zumindest ein Unentschieden erreichen“, so Setser, „strategisch gesehen wäre das ein Sieg“. Sähen die Amerikaner, dass Europa entschlossener und zugleich besonnener gegenüber Peking auftrete, könnte das ihre Bereitschaft erhöhen, sich mit Europa gegen China zusammenzuschließen.

Foto: via dts Nachrichtenagentur

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